Von Träumen und Kriegern

Collagen und Gedichte von Christiana Biron / tiana-alexis

Teil I

“Krieg und danach”

für mein Land und meine Freunde

Einführung

von Alexander Süß,

Leiter Städtische Sammlungen Kronach / Frankenwaldmuseum

Leben und Tod, Glück und Trauer, Liebe und Hass – sind es nicht die großen menschlichen Themen, die zu immer neuen künstlerischen Auseinandersetzungen inspirieren? So einfach diese Gegensatzpaare wirken, so komplex sind sie und so tief wirken sie in die menschliche Psyche hinein. Unmerklich oft, lange verdrängt, verneint, ausgeblendet, bis sie sich ihren Weg zurück in unser Bewusstsein bahnen. In Träumen, Erinnerungen und Ängsten verarbeitet, können sie zu einem bestimmenden Element unseres Alltags werden.

Extreme wie kriegerische Auseinandersetzungen beeinflussen alle Lebensbereiche und hinterlassen äußerlich gut wahrnehmbare Spuren – Verwüstung, Verwundung, Tod. Viel dramatischer aber sind die dem Auge verborgenen Verheerungen der Seele, die mit dem Wüten der Bestie Krieg einherschreiten und oft noch Jahrzehnte nach den Ereignissen die Betroffenen traumatisieren. Was Sprache oft nur fragmentarisch zu fassen vermag, destillieren Kunst und Traum aus den Tiefen des Unterbewussten und bannen es in Form und Farbe.

In ihrem Leben ist die Künstlerin Christiana Biron dieser Sprachlosigkeit begegnet, hat der Morphologie von Träumen und Traumata der Kriegsopfer, der Überlebenden nachgespürt. Mit großer Feinfühligkeit hat sie das Grauen in ihrer Kunst befragt, übersetzt – es transformiert. Die Arbeiten Birons sind virtuos komponierte Reisen in eine arkadisch wirkende Welt voller Poesie, eingebettet in latente Beunruhigung und Verstörung. Ihre Serie „Krieg und danach“ ist Ergebnis einer Welt in Flammen, in der die Menschheit als Täter, Opfer oder Publikum ihre Unschuld endgültig verloren hat. In Anlehnung an Francisco de Goyas Caprichos formuliert: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Ernster und erhabener kann, bei allem Zauber, Kunst nicht sein – aktueller auch nicht.

Dabei ist stets der Traum, das Traumhafte an sich, das Leitmotiv in den magischen Bildwelten Christiana Birons. Für uns öffnet sie behutsam und voller Gefühle eine Tür in sonst verschlossene Bereiche des Unbewussten und Verdrängten. Fernab von jedem Opportunismus, frei von oberflächlichen Konzessionen an Schaulust oder moralisierender Anbiederung macht die Künstlerin uns für den Augenblick des Betrachtens frei von den Ablenkungen des Alltags in einer zynischen Welt. Was bleibt ist der unverstellte und unversehrte Blick des Kindes. Wir begeben uns an ihrer Hand auf unbekanntes Terrain, das wir weniger rational oder durch ikonographische Sektion zu erfassen vermögen, als vielmehr durch reine Empathie. Wir sind hier in der Welt des Gefühls.

Seit dem 18. Jahrhundert hat die Kunstwissenschaft einen Begriff für das, was uns auch bei der Kunst Christiana Birons erfasst. Es ist dieses „je ne sais quoi“ dieses „ich weiss nicht, was es ist“. Der Augenblick einer Verzauberung, der Moment nach dem man sich im Fluss des Alltäglichen verzehrt und der, flüchtig wie ein Traum, doch stets in uns bleibt – als stille Erinnerung, als Sehnsuchtsort.

Diese Collagen sind keine bloßen Klebebilder oder willkürlich zusammengefügte Versatzstücke. Der künstlerische Prozess ist hoch präzise, fast chirurgisch, und von der völligen Hingabe an Harmonie gekennzeichnet, er ist gleichermaßen konzentriert wie sinnlich. Das Sammeln und die Auswahl geeigneter Motive steht dabei ganz in altmeisterlicher Tradition. Die Zusammenstellung an sich ist ein gänzlich analoger Prozess – Handarbeit. Bereits das Heraustrennen ihrer Bildvorlagen aus den ursprünglichen Zusammenhängen trägt meditative Züge, wenn die Schere exakt den Formen folgt und einen Gegenstand isoliert. Biron nimmt sich viel Zeit für Ihre Arbeiten, entwirft, verwirft und verändert. Es finden sich reichlich Zitate aus Mythologie und Symbolismus die dem Werk Christiana Birons etwas ausgesprochen Emblematisches verleihen. Ihr ausgeprägtes Gespür für Form, Stil und Ästhetik gibt ihr die künstlerische Freiheit, ihren Kompositionen eine Leichtigkeit zu schenken, die deren eigentliche Komplexität virtuos verschleiert. Birons Werke sind nicht zuletzt Chiffre der Empfindsamkeit und Bekenntnis für die rätselhaften Abgründe des Menschen und dessen edlen Kerns.

In ihrer Serie Krieg und danach präsentiert sich Christiana Biron als leidenschaftlich Sehnsüchtige, als Optimistin und Suchende zugleich. Die zarten aber kraftvollen Arbeiten schöpfen ihre Intensität aus Erfahrungen und persönlichen Anschauungen. Die Arbeiten sind dabei auch ein Memento für Freiheit, Freundschaft und Solidarität. Diesen Anspruch bestärken die Texte zu den einzelnen Arbeiten. Es sind dies literarisch verarbeitete Fragmente zahlloser, sehr persönlicher Gespräche mit Freunden aus Konfliktgebieten. Hier wird keine Klage geführt, kein Vorwurf formuliert. Ganz im Gegenteil. Es bieten sich Einblicke in eine Gefühlswelt voller Ratlosigkeit, Trauer und Lebenslust. Mit demselben Geschick, das die Künstlerin bei der Komposition ihrer Collagen aufwendet, hat sie die Berichte gesammelt und sensibel redigiert. Oft nur kurze Passagen entfalten dadurch eine beeindruckend nachhaltige Wirkung. Die Texte sprechen für sich selbst und sind im Grunde von allgemeiner Gültigkeit. Sie dienen weniger der Bilderläuterung, denn als zusätzliches kompositorisches Element. Texte und Collagen wirken als Einheit und Bezugssystem, aber auch unabhängig voneinander.
Alexander Süß